Interview mit Roman R. Rüdiger (Vorstand EDUCATION Y)

Social Profit Organisationen im Wandel

Porträt von Roman R. Rüdiger, Vorstand von EDUCATION Y.

Warum engagierst Du Dich im Vorstand von EDUCATION Y? Was ist gute Bildung für Dich und warum ist sie wichtig?

Roman R. Rüdiger: Ich betrachte Bildung ganz zentral aus der Perspektive des Kompetenzerwerbs. Als überzeugter Anhänger des Capability Approach (Befähigungsansatz) bemisst sich Bildungserfolg für mich daran, ob ein gelungener Prozess stattfindet, der Menschen befähigt, ein selbstbestimmtes, gesundes, demokratisches und sozial eingebundenes Leben zu führen.

Bildung schafft den Rahmen, der jungen Menschen diese echten Lebenschancen überhaupt erst eröffnet. Folgt man der konstruktivistischen Didaktik, ist Bildung kein reines Abfüllen mit Wissen, sondern eben jener gestaltete Rahmen, der es den Lernenden ermöglicht, ihren eigenen Bildungserfolg aktiv zu erarbeiten. Genau diesen Rahmen wollen wir bei EDUCATION Y mitgestalten.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen im Bildungsbereich? Wie unterscheidet sich die Lage von der, in der Du vor ca. 20 Jahren EDUCATION Y mitgegründet hast?

Roman R. Rüdiger: Die größte Baustelle ist und bleibt die Schaffung von gerechten Bildungschancen, völlig unabhängig von familiärer und sozialer Herkunft. In der gesamten Bildungsdiskussion wird leider viel zu oft vergessen, dass das familiäre Umfeld für den Erfolg entscheidender ist als die öffentlichen oder staatlichen Bildungsinstitutionen selbst. Bei EDUCATION Y sind wir deshalb von Anfang an konsequent den Weg gegangen, nicht nur mit den Schulen, sondern direkt mit den Familien zu arbeiten.

Ehrlicherweise müssen wir bilanzieren: In dieser Kernfrage haben wir gesamtgesellschaftlich in den letzten 20 Jahren kaum Fortschritte erzielt – das gilt leider auch für die Entwicklung moderner Schulen.

Heute kommt allerdings eine massive neue Dynamik hinzu: die KI-Revolution. Durch die veränderte Rolle des Menschen in der Wissensarbeit steht das gesamte System vor einer Transformation. Ich bin überzeugt, dass Peer-Prozesse und individuelle Lernwege der Lernenden künftig wichtiger sein werden als die standardisierten Angebote der Schulen. Das liegt auch an einer wachsenden Kluft: Während unsere Schülerinnen und Schüler als KI-Natives aufwachsen, müssen sich viele Lehrkräfte die Denkweisen und Potenziale der künstlichen Intelligenz erst mühsam durch eigenes Lernen aneignen.

Was sind aus Deiner Sicht die wichtigsten und wirkungsvollsten Hebel, um die Situation – insbesondere in herausgeforderten Lagen – zu verbessern?

Roman R. Rüdiger: Die wirksamsten Hebel setzen genau an den eben beschriebenen Punkten an. Erstens müssen wir auf der Ebene der Familien ansetzen: Wir müssen möglichst vielen jungen Eltern unmissverständlich klarmachen, welche entscheidende Rolle ihr eigenes Verhalten für den Bildungserfolg im Sinne von Kompetenz Erwerb ihrer Kinder spielt.

Zweitens müssen wir im Bereich der Schulen endlich die Erkenntnisse in die Praxis umsetzen, die wissenschaftlich seit mindestens zwei Jahrzehnten auf dem Tisch liegen. Das bedeutet konkret:

  • Gemeinsames Lernen: Ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder.
  • Rollenwechsel: Eine nachhaltige Veränderung der klassischen Schüler-Lehrer-Rolle hin zu begleiteten Lernprozessen.
  • Leadership: Die gezielte Auswahl der richtigen Personen für die Schulleitung.

Wenn wir systemisch auf Schule blicken, liegt in der Führung ein riesiges Potenzial. Es gibt in Deutschland exzellente Schulen – leider noch viel zu wenige. Aber da, wo es sie gibt, wurden sie fast immer von Schulleitungen initiiert und transformiert, die über eine echte Vision und ausgeprägtes Leadership verfügen. Mit der Auswahl und der Ausbildung der richtigen Personen für Schulleitung hätten wir eine Riesen Chance Vergleichsweise schnell viele gute Schulen zu bekommen.

Warum sind Social Profit Organisationen (SPOs) wie EDUCATION Y im Bildungsbereich so wichtig? Was können sie bewirken, was staatlichen Akteuren schwerfällt?

Roman R. Rüdiger: Social Profit Organisationen haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie aus der Mitte der Gesellschaft kommen, im besten Sinne Demokratie leben und extrem schnell und wirksam agieren können. Hier unterscheiden sie sich massiv von öffentlichen Einrichtungen, die meist hierarchisch und in engen politischen Zwängen gefangen sind, wie wir es tagtäglich im Schulsystem erleben. SPOs sind in diesem starren Gefüge die notwendigen Impulsgeber und Innovationstreiber.

Gleichwohl dürfen sich gestandene und bewährte Organisationen – auch wir bei EDUCATION Y – nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Wir müssen auf der Hut sein, nicht selbst an Geschwindigkeit und Biss zu verlieren. Mit den neuen Impact-Start-ups entsteht gerade eine hochspannende Gruppe neuer Akteure auf dem Markt. Diese agieren oft unternehmerischer, schneller und manchmal radikaler wirkungsorientiert als etablierte Organisationen, wenn es darum geht, soziale Probleme zu lösen. Dieser Wettbewerb belebt das System.

Was sind Deine konkreten Ziele und Wünsche für EDUCATION Y in den kommenden Jahren?

Roman R. Rüdiger: Mein primäres Ziel ist es, dass wir eine stabile, krisenfeste und belastbare Organisation sichern. Eine Organisation, die sich ihre Innovationskraft bewahrt, sich immer wieder selbst kritisch hinterfragt und die reale Wirkung – also den messbaren Outcome für unsere Zielgruppen – als unumstößlichen Leuchtturm über all ihr Handeln stellt.